Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

 

Exkursion in den bayerischen Landtag

Wie gelingt es Frauen, ihre persönlichen Wünsche mit den vielfältigen Anforderungen von Familie, Beruf und Gesellschaft zu vereinbaren? Und welche Rolle spielt die Politik dabei, echte Gleichberechtigung zu ermöglichen? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Schülerinnen und Schüler der Q12 und Q13 des Leonhard-Wagner-Gymnasiums, insbesondere aus den Politik-und-Gesellschaft-Kursen auf vertieftem Anforderungsniveau, bei einer Exkursion in den Bayerischen Landtag am 15. Oktober 2026.

Den gedanklichen Rahmen des Tages bildete ein Zitat, das die Landtagsabgeordnete Barbara Becker (CSU) tätigte, um das Spannungsfeld zwischen Wunsch und Wirklichkeit im Leben vieler Frauen zu verdeutlichen. Der Wunsch nach Kindern und Familie trifft häufig auf eine gesellschaftliche und berufliche Realität, in der Frauen unterschiedlichsten Rollenerwartungen gleichzeitig gerecht werden sollen. Wie viel echte Wahlfreiheit haben Frauen also heute? Und was muss sich verändern, damit Gleichberechtigung nicht nur ein politisches Ziel bleibt, sondern gelebte Wirklichkeit wird? Gleich zu Beginn erhielten die Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit, eine Plenarsitzung des Bayerischen Landtags live mitzuerleben. Im Mittelpunkt der Debatte standen Fragen des Länderfinanzausgleichs und des Haushalts. Dabei wurde deutlich, wie unterschiedlich politische Positionen sein können und wie kontrovers parlamentarische Auseinandersetzungen geführt werden. Politik, die sonst vor allem im Unterricht anhand von Texten, Reden oder Nachrichten analysiert wird, war hier unmittelbar erlebbar. Im Anschluss begrüßten die CSU-Abgeordneten Barbara Becker die Gruppe und gewährten spannende Einblicke in ihren politischen Alltag. Dabei ging es nicht nur um die Aufgaben und Verantwortlichkeiten von Abgeordneten, sondern auch um die Bedeutung von Interessenvertretung und Lobbyismus für politische Entscheidungsprozesse. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der politischen Arbeit von Frauen. Die Schülerinnen und Schüler erhielten Einblicke in die Arbeit der AG Frauen und kamen mit Katharina Geiger, Dr. Johanna Beyer und Sabine Rüdiger-Hahn, die sich im Vorstand der Evangelische Frauen in Bayern engagieren, ins Gespräch. Im Zentrum des Austauschs stand das gesellschaftlich viel diskutierte Phänomen der sogenannten „Tradwives“ – Frauen, die ein traditionelles Rollenbild mit einer klaren Aufteilung zwischen männlichem Ernährer und weiblicher Hausfrau und Mutter vertreten und dieses insbesondere in sozialen Medien inszenieren. Für die Q13 von Frau Rohrmann besitzt dieses Thema eine besondere Bedeutung. Der Kurs beschäftigt sich im Rahmen eines Wettbewerbs der Bundeszentrale für politische Bildung intensiv mit dem Tradwife-Trend. Das Gespräch bot daher eine wertvolle Gelegenheit, die bisherigen Überlegungen durch persönliche Erfahrungen und politische Perspektiven zu erweitern. Dass politische Entscheidungen selten einfach sind, erfuhren die Schülerinnen und Schüler anschließend in einem 90-minütigen Planspiel. Die zentrale Streitfrage lautete: Sollte in bayerischen Unternehmen eine verbindliche Frauenquote in Vorständen und Aufsichtsräten eingeführt werden? In unterschiedlichen Rollen und fiktiven Fraktionen entwickelten die Teilnehmenden politische Positionen, diskutierten Argumente, suchten nach Kompromissen und versuchten, Mehrheiten für ihre Anliegen zu gewinnen.

Am Ende eines abwechslungsreichen und erkenntnisreichen Tages blieb vor allem ein Gedanke in Erinnerung: Wer als erste Frau einen Platz in einem politischen oder gesellschaftlichen Gremium einnimmt, sollte dafür sorgen, nicht die letzte zu bleiben. Es gilt, sich Verbündete zu suchen, andere Frauen zu unterstützen und ihnen den Weg zu ebnen. Denn Gleichberechtigung entsteht nicht allein durch Gesetze oder politische Forderungen. Sie braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen, Netzwerke aufbauen, bestehende Strukturen hinterfragen und sich gegenseitig stärken. Ein ganz besonderer Dank gilt Leni Schwarzenbacher aus der Q13, die diesen außergewöhnlichen Exkursionstag mit großem Engagement geplant und organisiert hat. Durch ihren Einsatz wurde ein Besuch möglich, der weit über den regulären Unterricht hinausging und den Teilnehmenden wertvolle Einblicke, persönliche Begegnungen und zahlreiche Denkanstöße bot.

Stephan Köser und Madeline Rohrmann 

Bilder: © Madeline Rohrmann, Stephan Köser

KOE