„Die wichtigste Waffe ist das gesprochene Wort“

 

Bildungsfahrt nach Berlin mit den 11. Klassen

In einer Stadt wie Berlin, deren Geschichte von tiefen Brüchen und politischen Umwälzungen geprägt ist, zeigt sich eindrücklich, welche Macht Worte entfalten können. Sie wurden genutzt, um Ideologien zu verbreiten, Menschen auszugrenzen und Systeme zu stabilisieren – aber auch, um Widerstand zu artikulieren, Freiheit einzufordern und gesellschaftlichen Wandel anzustoßen. Sprache ist hier nie nur Mittel der Verständigung, sondern immer auch Ausdruck von Macht, Verantwortung und Hoffnung.
Im Laufe der Woche erhielt diese Einsicht eine besonders prägnante Zuspitzung. Bei einer Exkursion mit der Berliner Polizei antwortete Polizeihauptkommissar Mike Troppens auf die Frage nach seiner wichtigsten „Waffe“ mit dem Satz, der diesem Bericht vorangestellt ist. In der anschließenden Begegnung wurde deutlich, dass Worte nicht nur im politischen oder historischen Kontext entscheidend sind. Kommunikation erwies sich hier als unmittelbares Handlungsinstrument, denn Gespräche können Konflikte entschärfen, Vertrauen schaffen oder Eskalationen verhindern. Sprache ist in solchen Situationen nicht abstrakt, sondern konkret wirksam. Sie entscheidet über den Verlauf von Begegnungen im Alltag. Was zunächst überraschend klang, bündelte rückblickend viele der Erfahrungen, die die Schülerinnen und Schüler zuvor gemacht hatten, und verlieh ihnen eine klare gemeinsame Perspektive.
An dieser Stelle möchte sich das Orga-Team auch herzlich bei Polizeikomissarin Lucia Biffi bedanken, die im Vorfeld unsere Anfrage aufgenommen und unseren Besuch rund um die "Kotti-Wache" ermöglicht hat. Gemeinsam mit ihren Kollegen PHK Mike Toppens und Polizeimeister B. erhielten wir einen der bemerkenswertesten Einblicke in die Stadt und seine Brennpunkte überhaupt!
Vor diesem Hintergrund rückte besonders die Rolle von Sprache im Umgang mit Geschichte in den Blick. An den Denkmälern für die Opfer des Nationalsozialismus zeigte sich, dass Erinnern ohne Worte nicht möglich ist. Erst durch das Erzählen, Einordnen und bewusste Benennen wird Vergangenheit präsent gehalten. Diese Erfahrung vertiefte sich in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, wo Zeitzeugenberichte Geschichte in gesprochene, persönliche Erfahrung übersetzten. Ihre Worte machten nicht nur individuelles Leid sichtbar, sondern auch die Mechanismen eines Systems, das gezielt Kontrolle über Kommunikation ausübte.
Wie weitreichend diese Kontrolle sein kann, wurde anschließend an der Berliner Mauer ersichtlich. Die Teilung der Stadt bedeutete nicht nur eine physische Trennung, sondern auch eine Einschränkung von Sprache selbst. Briefe wurden überwacht oder zurückgehalten, Telefonate waren kaum und persönliche Gespräche oft unmöglich. Familien konnten einander nicht mehr frei erreichen, Informationen wurden gefiltert oder unterdrückt. Sprache wurde hier zur Grenze – und zugleich zu etwas, das Menschen trotz aller Hindernisse zu bewahren versuchten, etwa in heimlichen Botschaften oder in den öffentlichen Forderungen nach Freiheit, die schließlich den politischen Wandel mittrugen.
Einen bewussten Gegenentwurf dazu bildete die Erfahrung demokratischer Kommunikation im politischen Raum. Im Bundestag wurde erkennbar, dass das gesprochene Wort hier nicht eingeschränkt, sondern gezielt eingesetzt wird. In Debatten, Reden und Auseinandersetzungen entsteht Politik durch Argumente und Gegenargumente. Demokratie wird offenbar als ein System, das auf Austausch angewiesen ist: auf das Zuhören ebenso wie auf das Formulieren eigener Positionen. Auch im Deutschen Dom wurde dieser Gedanke historisch vertieft. Die Ausstellung zur parlamentarischen Entwicklung Deutschlands – vom Kaiserreich über die Anfänge demokratischer Mitbestimmung bis zum Scheitern der Weimarer Republik – verlieh der Tatsache Nachdruck, wie eng politische Teilhabe an das gesprochene Wort gebunden ist. Wo Debattenräume entstehen, können unterschiedliche Positionen Raum erhalten; wo sie eingeschränkt oder missbraucht werden, gerät Demokratie in Gefahr.
Eine weitere Perspektive eröffnete schließlich der Besuch im Friedrichstadt-Palast zur Darstellung „Blinded by Delight“, welche verdeutlichte, dass Ausdruck nicht allein an das rationale Wort gebunden ist. Die künstlerische Inszenierung brachte eindrucksvoll vor Augen, dass Menschen sich auch über Bilder, Emotionen und gemeinsame Vorstellungen verbinden. Die Botschaft „Glückshormone entstehen, wenn wir träumen“ verweist darauf, dass Visionen und Imagination Teil dessen sind, was Menschen miteinander teilen und was gesellschaftliche Entwicklungen antreiben kann.
So wurde die Berlinfahrt zu einer vielschichtigen Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Stadt und ihrer Geschichte. Im Deutschen Dom gab ein Referent den Schülerinnen und Schülern symbolisch ein Bonbon mit, verbunden mit dem Wunsch nach einem „Energie- und Demokratieschub“. In diesem Sinne bleibt zu hoffen, dass die Erfahrungen der Fahrt nachwirken, Gespräche anstoßen und dazu ermutigen, die eigene Stimme bewusst und verantwortungsvoll einzusetzen.

Annika Dietmayer, MArtin Bißle, Madeline Rohrmann und Stephan Köser

Bilder: © Annika Ditemayer, Stephan Köser

KOE