Von der Kunst, Geschichten zu weben

 

Der Autor Pierre Jarawan liest am Leonhard-Wagner-Gymnasium aus seinem neuen Roman „Die Frau im Mond“.

Am Anfang waren es nur ein paar lose Fäden: Der Besuch einer Ausstellung in München. Die Entdeckung einer libanesischen Briefmarke, die einen Mann auf dem Mond zeigt. Das Erkennen einiger wichtiger Daten, die sich um das Geburtsdatum des Autors, den 04. August 1966, ranken. In der Tradition des armenischen Teppichknüpfens setzt sich Pierre Jarawan daran, diese Fäden miteinander zu verknüpfen, recherchiert, schafft neue Verbindungen, gibt seinen Figuren Raum zur Entwicklung, kreiert Irrwege, um den Leser am Ende zu überraschen und webt so ein Gesamtwerk aus literarischer Fiktion und historischen Wahrheiten.
Was leicht klingt, ist in Wirklichkeit das Ergebnis von Disziplin und har-ter Arbeit: „Ich gehe jeden Tag in mein Büro zum Schreiben. Von 450 Seiten lösche ich 350.“ Es bleibt der Fantasie des Lesers überlassen, wie lange Pierre Jarawan an seinem neuen Roman „Die Frau im Mond“ (Umfang: 496 Seiten), der im April diesen Jahres erschienen ist, geschrieben haben mag. Im Rahmen einer Lesung, die der Vertiefungskurs Deutsch in Kooperation und mit Unterstützung der Schwabmünchner Buchhandlung Schmid für die 12. Jahrgangsstufe organisiert hat, verriet der Autor darüber nichts. Stattdessen führte er seine Zuhörerinnen und Zuhörer zunächst in die Zeit der 1960er Jahre, als an der armenischen Hochschule in Beirut sechs Studenten und ein Dozent, die „Libanese Rocket Society“, an der Verwirklichung eines Traums arbeiten: dem Erreichen des Weltraums. Sukzessive entwickeln sie ihre Raketen weiter und zünden am besagten 04. August 1966 erfolgreich ihre erste dreistufige Rakete.
Auf den Tag genau 54 Jahre später ereignet sich im Hafen von Beirut die größte nicht-atomare Explosion. Damit ergeben sich für Pierre Jarawan zwei Fixpunkte, zwischen denen er die Geschichte einer Familie entspinnt: Aufgewachsen bei ihrem Großvater Maroun, einem Mitglied der „Libanese Rocket Society“, begibt sich Lilit vom fernen Kanada aus auf dessen Spuren und begegnet dabei auch dem Leben ihrer Großmutter Anoush. Diese hat den Genozid der Osmanen an den Armenien überlebt und ist im Libanon in einem Waisenhaus aufgewachsen, das ausgerechnet von den Tätern selbst finanziert und geführt worden ist. Ein Trauma, das über Generationen weitergegeben wird. Und so wird die Begegnung mit ihrer Großmutter für Lilit auch zu einer Begegnung mit sich selbst. Pierre Jarawan verknüpfte seine Lesung aus „Die Frau im Mond“ mit zahlreichen Hintergrundinformationen zur Geschichte des Libanons und zur aktuellen politischen Lage. Werden damit das Gestern und das Heute miteinander verwoben, will der Autor auch in einer vermeintlichen Perspektivlosigkeit die Hoffnungen und Träume der Menschen bewahren – und so „wie in einem Teppich konservieren“.

Julia Zobel-Kind

Bilder: © Julia Kind-Zobel

KOE