Als die Fernsehnachrichten einige Tage vor unserem geplanten Abflug über den isländischen Vulkan mit dem unaussprechbaren Namen und von zahlreiche Flugsperren berichteten, sah man das Ganze noch relativ gelassen und amüsierte sich über die Leserbriefe, die die Meinung vertraten, dass es gut sei, dass der Mensch endlich mal wieder in seine Schranken verwiesen wird. Dass es uns kurz darauf selbst treffen würde, damit hatte eigentlich niemand aus der Gruppe gerechnet. Als wir dann aber am Sonntag am Flughafen ankamen und die Durchsagen mögliche Verspätungen wegen einer lokalen Aschewolke im Luftraum München ankündigten, wurden wir schon deutlich nervöser. Schließlich waren fast alle Flüge außer dem unseren gecancelt. Wir standen schon am Gate und warteten auf das Boarding, es schien, als wären wir gerade noch so davongekommen. Kurz darauf war jedoch klar: Von diesem Flughafen fliegt heute überhaupt kein Flugzeug mehr! Zwar ging man dann schon in der Nacht wieder zum Normalbetrieb über, einen Ersatzflug bekamen wir aber erst zwei Tage später.
Da lief dann dafür alles problemlos - von einem längeren Umweg wegen der Eruptionen des besagten Vulkans einmal abgesehen. Nach fast zwölf Stunden kamen wir, 25 Schüler/innen aus den Jahrgangsstufen 10 und 11, mit unseren beiden Begleitlehrkräften, Frau Stemple und Herrn Zitzelsberger, endlich am Flughafen von Minneapolis an, wo wir von unseren Gastfamilien erwartet und nach Eden Prairie, unserem neuen „Zuhause“ gebracht wurden.
Eden Prairie ist ein sehr wohlhabender Vorort der riesigen "Twin-cities" Minneapolis-St.Paul. Obwohl er wesentlich mehr Einwohner als Schwabmünchen hat, wirkt er fast ländlich, da die lockere Bebauung der Natur so viel Raum lässt, dass man mit etwas Glück in der Nacht sogar Rehe oder Füchse durch die Stadt laufen sehen kann.
Nach einer - verglichen mit dem sehr langem Tag davor (Zeitverschiebung!) - sehr kurzen Nacht stand am nächsten Tag gleich ein Baseballspiel in Minneapolis an. Die Faszination für dieses Spiel werden die meisten von uns wahrscheinlich nie mit unseren amerikanischen Freunden teilen. Interessant war es aber trotzdem, obwohl kaum einer der Deutschen die Regeln des Spiels kannte und es im Stadion eisig kalt war.
Am darauf folgenden Tag erlebten wir einen typischen amerikanischen Schultag. Die Highschool von Eden Prairie ist ungefähr dreimal so groß wie unser Gymnasium - eine wahres Labyrinth. Schon der Weg von einer der beiden großen Cafeterias zur anderen ist durchaus eine Herausforderung! Hier ist alles XXL, sogar das Angebot an Fächern und Aktivitäten: Kochen & gesunde Ernährung, Schulfernsehen (die Schule besitzt ein eigenes kleines TV-Studio, in dem Nachrichten gedreht und monatlich ausgestrahlt werden), camping-canooing-climbing-class und vieles mehr. Fast am interessantesten ist aber die ethnische Vielfalt unter den Schülern. In den eineinhalb Wochen, die wir in Eden Prairie verbracht haben, lernten wir Jugendliche japanischer, chinesischer, vietnamesischer, polnischer und spanischer Herkunft kennen. Wenn man sich angestrengt hätte, wären wahrscheinlich noch einige Ecken der Welt hinzugekommen. Alles in Allem: eine Highschool, wie man sie aus Filmen kennt.
Natürlich besuchten wir die legendäre Mall of America, das zweitgrößte Shopping-Center auf der ganzen Welt(!), in dem es einfach alles gibt. Auch wenn man nicht unbedingt zu den Shopping-Fanatikern gehört, ist dieser Mega-Konsumtempel definitiv einen Besuch wert. Wo findet man sonst schon eine Einkaufsmeile, in deren Mitte es einen eigenen überdachten Freizeitpark mit zwei riesigen Looping-Achterbahnen gibt?
Minneapolis-St.Paul bietet aber noch weitaus mehr Interessantes: Wir liefen in den berühmten Skyways herum, waren in einem äußerst unterhaltsamen Museum of electricity, warfen Papierflieger von einem der Wolkenkratzer (nicht nachmachen!) und posierten für ein Gruppenfoto vor einem der Wahrzeichen von Minneapolis, der Skulptur eines überdimensionierten Löffels mit Kirsche. Außerdem hatten wir eine ausgezeichnete Führung zu den alten Getreidemühlen in St.Paul, die früher einmal zu den größten der ganzen Welt zählten, heute aber nicht mehr in Betrieb sind.
So faszinierend all diese Besichtigungen auch waren, das Beste an unserem Aufenthalt in Eden Prairie war für die meisten von uns trotzdem die Möglichkeit, für eineinhalb Wochen das "everyday life" in unseren Partnerfamilien mitzuerleben und dabei die amerikanische Lebensweise und -haltung kennen zu lernen. Ob nun beim gemeinsamen Marshmallow-Braten über dem Lagerfeuer, beim Burger-Essen im "Lion's Tap" oder bei diversen Poolpartys und Videoabenden: Langeweile kam während der ganzen Zeit nie auf. Die Menschen in Eden Prairie sind unglaublich offen und freundlich und so machten wir innerhalb kürzester Zeit Bekanntschaft mit den verschiedensten Leuten. Nach einem letzten gemeinsamen Gruppenfoto mit unseren Austauschpartnern und einem großen Picknick fiel die Trennung am Freitagmorgen schwer. Viele von uns wären sogar lieber noch einige Tage/Wochen in Eden Prairie geblieben, als nach New York geflogen...
Mit einem dementsprechend etwas wehmütigen Gefühl kamen wir schließlich an einem der New Yorker Flughäfen an und fuhren von dort aus weiter zu unserem Hotel, das recht günstig nur eine Viertelstunde vom Times-Square entfernt lag. Viel Zeit, uns einzurichten, hatten wir dort aber nicht, denn wir liefen schon kurz darauf wieder los, um gleich am ersten Abend das Empire State Building zu bestaunen. Vom beschaulichen Eden Prairie kommend, liefen wir nun plötzlich zwischen gigantischen Wolkenkratzern mit riesigen Werbe-Bildschirmen durch die großstädtischen Menschenmengen und mussten extrem aufpassen, uns nicht gegenseitig zu verlieren, was in New York sehr schnell passieren kann. Unsere Hektik war mehr als lohnenswert: Gerade bei Nacht bietet das Empire State Building eine atemberaubende Sicht auf das New Yorker Lichtermeer.
Am nächsten Tag stand die Freiheitsstatue auf dem Programm. Zu ihr vorzudringen, verlangt Geduld: Fast drei Stunden warteten wir in einer schier endlosen Schlange darauf, mit der Fähre auf Liberty-Island überzusetzen. Nachdem wir die Dame aus allen Blickwinkeln betrachtet hatten, war Lunchtime auf Ellis-Island, einer weiteren kleinen Insel, auf der früher alle Einwanderer aus Europa ankamen. Weiter ging es an der Wall Street vorbei zu Ground Zero, dort wird momentan ein großes Denkmal errichtet. Auch unser letzter Tag in New York war gut gefüllt: Wir durchwanderten zum Beispiel ein kleines Stück des Central Park und schauten uns in Chinatown um, einem Viertel, das besonders wegen seiner Gegensätzlichkeit zur von Wolkenkratzern dominierten Innenstadt auf jeden Fall einen Besuch wert ist. New York ist eine unglaublich faszinierende Stadt, die man in all ihren Facetten sicher nicht in drei Tagen erfassen kann! Ob es aber ein Ort ist, an dem man wirklich leben möchte, ist eine andere Frage.
Nach Washington DC fuhren wir mit dem Zug. Fast jede der zahlreichen Attraktionen war von dem dortigen Hotel aus zu Fuß erreichbar. In unserem Stadtteil schien es kein einziges Wohnhaus zu geben, sondern nur Denkmäler und ehrwürdige Sandsteinbauten! Wie schon in New York gab es enorm viel zu sehen: den berühmten Obelisken, der zwar auf Bildern nicht sehr groß, in Wirklichkeit aber durchaus beeindruckend wirkt; die von Steven Spielberg finanzierte Gedenkstätte für die Opfer des zweiten Weltkrieges, das Jefferson Memorial, das Roosevelt Memorial, die berühmte Lincoln Statue in ihrem tempelartigen Gebäude, ein viel photographiertes Einstein-Denkmal ... Im imposanten Capitol (strenge Sicherheitskontrollen!) konnten wird sogar eine Sitzung des Repräsentantenhauses miterleben: Zwar wird dort zu Beginn feierlich gebetet und geschworen, dem Wohl des Volkes zu dienen, aber die wenigen Abgeordneten, die am Anfang überhaupt anwesend waren, taten so ziemlich alles, außer den Rednern zuzuhören. Nach dem anschließenden Besuch von verschiedenen Museen (Raumfahrt, Naturkunde, Native Americans ...) war die Hauptsehenswürdigkeit an der Reihe: das Weiße Haus, das überraschend klein aussieht und kaum vom Rest der Stadt abgegrenzt scheint. Außer zwei Scharfschützen auf dem Dach wies nichts auf eine festungsartige Bewachung hin. Oder war Obama gerade außer Hauses?
Der Besuch des Landsitzes von George Washington bildete wenige Stunden vor unserem Abflug schließlich den Abschluss unseres Washingtoner Besichtungsmarathons.
Am Donnerstag, den 27. 5 landeten wir „in schedule“ in München, wo wir vom typisch deutschen Wetter empfangen wurden (nach 29° im Schatten in Washington!). Ein großes Dankeschön unseren Begleitlehrern, Herrn Zitzelsberger und Frau Stempfle, die dieses überwältigende Erlebnis erst möglich gemacht haben und viel Geduld mit uns beweisen mussten, gerade wenn es um Sachen Pünktlichkeit ging! Bedanken möchten wir uns auch bei Herrn Murray, der seit vielen Jahren auf amerikanischer Seite dieses Austauschprogramm organisiert. Wir hoffen, dass es durch ihre gemeinsame Arbeit noch vielen weiteren Generationen von Schülern möglich sein wird, Amerika so intensiv zu erleben, wie es wohl nur durch ein Austauschprogramm möglich ist.
Kilian Lieret